
Der zweite Tag der Tour beginnt in der offenen Ebene rund um Cittadella, wo die Felder frühmorgens noch kühl wirken und die Luft eine leichte Feuchtigkeit aus den umliegenden Kanälen trägt. Die Strecke bleibt über weite Abschnitte flach, ein ruhiges Einrollen durch das venetische Tiefland, bevor sich am Horizont die ersten Hügel des Vicentiner Beckens abzeichnen. Schon auf den ersten Kilometern wird klar, dass dieser Tag stärker von Architektur und Kultur geprägt sein wird als von landschaftlichen Kontrasten – ein natürlicher Übergang in die Welt Palladios.
Die Route führt zunächst an den Flussläufen des Fiume Brenta vorbei, der hier breit und träge durch die Ebene zieht. Die Nähe des Wassers ist spürbar, auch wenn der Fluss selbst etwas abseits liegt. Ein Baggersee wie der Bacino Ex Cave Giaretta markiert den Übergang in ein Gebiet, das von Landwirtschaft und Wasserwirtschaft gleichermaßen geprägt ist.
Zwischen verstreuten Gehöften tauchen die ersten venezianischen Landsitze auf – Villa Mezzalira, Villa Pagiusco, später Villa Rigon und die elegante Villa Mocenigo Cadore Rossato. Sie liegen jeweils etwas abseits der Route, doch ihre Präsenz ist unübersehbar: lange Zufahrten, alte Baumreihen, Fassaden in hellem Putz. Diese Villen markieren die historische Verbindung zwischen Stadt und Land, zwischen venezianischem Adel und landwirtschaftlicher Produktion.
Die Strecke bleibt weiterhin flach und führt durch kleine Weiler wie Lupiola, bevor weitere Anwesen wie Villa Franchi, Ca’ Scudella oder Ca’ Trevisan seitlich liegen bleiben. Es ist ein dichtes Mosaik aus historischen Gebäuden, das zeigt, wie intensiv die Region über Jahrhunderte genutzt und gestaltet wurde.
Mit Villa Valmarana und Villa Querini Dalle Ore rückt die Welt Palladios näher. Die Route führt zwar nicht direkt zu ihnen, doch sie markieren den Übergang in ein Gebiet, in dem die Architektur zunehmend dominiert. Die Landschaft bleibt eben, doch die Dichte der Villen nimmt zu: Villa Filotto, Villa Cordellina, Casa Da Porto – jedes Anwesen ein Hinweis darauf, wie stark die Region vom venezianischen Landadel geprägt wurde.
Der Bacchiglione begleitet diesen Abschnitt als ruhiger Flusslauf, bevor die Strecke in Richtung Caldogno schwenkt.
Die Villa Caldogno, ein UNESCO‑Weltkulturerbe, wurde tatsächlich besucht. Sie ist ein Werk aus dem Umfeld Palladios und zeigt eindrucksvoll, wie Architektur, Freskenkunst und ländliche Funktionalität miteinander verschmelzen. Die Räume wirken hell und klar, die Fresken erzählen von Alltagsszenen, Festen und mythologischen Motiven. Die Villa vermittelt ein Gefühl dafür, wie das Leben in einem venetischen Landsitz des 16. Jahrhunderts organisiert war – repräsentativ, aber zugleich eng mit der Landwirtschaft verbunden.
Dieser Besuch bildet den architektonischen Auftakt für das, was später in Vicenza folgt.
Hinter Caldogno führt die Route durch ein Gebiet, das stärker urban geprägt ist. Villen wie Villa Solatia, Villa Trissino oder Villa Piovene‑Salviati‑Pretto liegen seitlich, bevor die ersten Stadttore Vicenzas auftauchen: Porta San Bortolo, später Porta Santa Croce und Porta Santa Lucia.
Die Annäherung an Vicenza ist ein allmählicher Übergang: Die Straßen werden schmaler, die Bebauung dichter, und die Fassaden beginnen, die typischen Proportionen der Renaissance zu zeigen.
Die Stadtführung durch Vicenza war der kulturelle Kern des Tages. Die Altstadt wirkt wie ein offenes Architekturhandbuch: Palazzi mit klaren Linien, Loggien, Innenhöfe, Plätze, die sich unvermittelt öffnen. Die Basilica Palladiana dominiert mit ihrer mächtigen Loggia den zentralen Platz, während das Teatro Olimpico mit seiner perspektivischen Bühnenarchitektur einen Blick in die Welt der Renaissance‑Bühnenkunst erlaubt.
Die Stadtführung führt vorbei an Palästen wie Palazzo Chiericati, Palazzo Thiene, Palazzo Barbaran da Porto, Palazzo Valmarana und vielen weiteren Bauten, die Palladios Handschrift tragen. Vicenza zeigt sich dabei nicht als museale Kulisse, sondern als lebendige Stadt, in der Handel, Gastronomie und Alltag selbstverständlich zwischen den historischen Fassaden stattfinden.
Der Rundgang macht deutlich, wie stark Palladios Ideen das europäische Verständnis von Harmonie und Proportion geprägt haben – und wie Vicenza diese Identität bis heute pflegt.
Nach dem kulturellen Höhepunkt führt die Strecke wieder hinaus aus der Stadt. Die Route bleibt flach, begleitet von Flussläufen wie dem Retrone und dem Bacchiglione, bevor sie erneut durch landwirtschaftlich geprägte Gebiete führt. Historische Mühlen wie Mulino Pigato, Mulino Meneghetti oder Mulino Pesavento liegen seitlich, ebenso das Museum der Quellenlandschaften bei den Risorgive.
Ein letzter Blick auf die Villenlandschaft folgt mit Villa Gazzotti, Villa Ghislanzoni und Villa Valmarana, bevor die Strecke über ruhige Wege zurück in Richtung Cittadella führt.
Die Ebene liegt am Nachmittag still, die Felder wirken warm, und die Dörfer gleiten leise vorbei. Der Mauerring von Cittadella taucht schließlich wieder auf – ein vertrauter Anblick, der den Tag abrundet.
Dieser Ausflug nach Vicenza verbindet Landschaft und Kultur auf besondere Weise: eine ruhige Anfahrt durch die Ebene, ein intensiver architektonischer Kern in der Stadt und ein entspanntes Ausrollen zurück zum Stützpunkt.
